Prof. Eugen Gomringer
Die Foto-Konstellationen von Sabine Richter
Die erste Begegnung mit den Fotoarbeiten von Sabine Richter ließen mich etwas unschlüssig werden. Sie gefielen mir, aber ich wusste nicht, warum. Ich hatte seit den Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Ulm Fotobilder von Otl Aicher und Rudolf Schröter im Bewusstsein gespeichert. Anderseits schrieb ich auch einen Text über Robert Häusser. Ich finde, dass keine andere Kunst so viele Berührungen mit der Lebenswelt hat und es deshalb so schwer macht, sich für die eine oder andere Wahrnehmungsweise zu entscheiden. Das heißt, seine Identität zu finden da draußen in der Lebenswelt.
Beim zweiten Schub der Bekanntschaft mit den neuen Werken von Sabine Richter ging mir ein Licht auf. Es wurde mir klar, was mir diese Foto-Kunst zu sagen hatte. Es ist die Kunst der Konstellationen, die der meinigen auffallend gleicht bzw. es noch besser macht, als es mir geglückt ist. Konstellationen zu bilden aus der Begegnung mit mit der Umwelt – Umwelt gleich Außenwelt und Innenwelt – mit den Mitteln der Kunst bzw. der Sprache bedeutet für mich, Beziehungen herzustellen zwischen einigen Dingen, ihre Existenz zu erkennen, ihre Eigenart hervorzuheben. Es ist sehr befriedigend, wenn es gelingt, Fragmente herzustellen, die dem Ganzen, das im Moment die Welt ist, entnommen sind. Es orientiert, gibt Festigkeit. Gibt letztendlich dem Dasein Sinn.
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| Prof. Eugen Gomringer
Sabine Richter's photo constellations
My first encounter with Sabine Richter's photos made me a little bit
uncertain. I liked them, but I did not know why. For all my years at the Hochschule für Gestaltung in Ulm, I had stored all the photo images by Otl Aicher and Rudolf Schröter in my mind. On the other hand, I had also written a text about Robert Häusser. In my opinion, no other art has so many connections with the immediate world, making it so difficult to decide on one specific perception. It means finding one's identity in the surrounding environment.
The second time I saw the new work by Sabine Richter it hit me. I realized what this photographic art had to say. It is the art of constellations, strikingly similiar to my own. Or rather, even more successful. Constellations, formed from encounters with the inner and outer environment through art and language, mean for me the forming of connections between things, recognizing their existence, and emphasizing their particular nature. It is very satisfying to be able to produce fragments which are taken from a whole, it is the world in the moment. It gives direction, and firmness. Eventually it gives meaning to our existence.
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Prof. Eugen Gomringer
Einführung zur Ausstellung Kunst im Werk
Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie, Kunsthaus Rehau
Loewe AG Kronach
2001
meine damen und herren,
sie werden es alle schon beobachtet haben: die heutige kunst, wo sie uns ernsthaft als solche begegnet, ist uneinheitlicher denn je, und das heisst auch: von künstler zu künstler überraschend, individuell, einer schnellen eingliederung geradezu entfremdet. wer noch den überblick der letzten jahrzehnte besitzt, weiss, wie man nicht nur in klassischen gattungen, sondern auch in entwicklungsspuren denken und diskutieren konnte. dagegen spricht man heute oft von der orientierungslosigkeit und von fehlenden charakteristiken.
doch es gibt auch hier ein andererseits! denn andererseits ist ebenfalls unverkennbar, dass diese heutige kunst in all ihrer vieldeutigkeit sogar ein ganz bedeutendes charakteristikum aufweist. ich nenne es ein bewusstsein zwischen rückwärts blickend und vorwärts gewandt, eine aktualität, die bewusst mit der vergangenheit umgeht, sich aber auch in selbstverständlicher weise mit dem geschehen von heute befasst, zum beispiel mit der digitalen kommunikation. anders gesagt: die kunst ist mehr denn je zuvor schnittstelle zwischen immer noch präsenter historischer ästhetik und einer ästhetik, die vom heutigen rhythmus, einer tendenz zur transparenz und vom schnellen wechsel der bilder und damit einer neu sich anpassenden wahrnehmungsfähigkeit beeinflusst wird.
andere einflüsse, zum beispiel von multikultureller herkunft, die ebenfalls weltweit zu beobachten sind, führe ich heute nicht an, denn die kunst, auf die wir uns heute und hier konzentrieren,die kunst von sabine richter, hat sich in einem kulturellen rahmen entwickelt, der uns eigentlich vertraut ist, wenn sich auch die sprache der kunst vohrnehmlich in syntax und semiotik gewandelt haben mag, und auch die materialien, die hardware, der aktuellen technischen produktion entstammen.
sabine richter ist, wenn wir ihre biografie zu rate ziehen, eine fränkische künstlerin und die bisherigen stationen ihres weges sind coburg, nürnberg, würzburg und wieder nürnberg. mit ihren arbeiten verbreitet sie jedoch eine atmosphäre, die man nicht auf franken allein beziehen möchte, sondern die im besten sinne europäisch ist. und damit meine ich: schnittpunkt zwischen europäischer pionierzeit und amerikanischer concept art und technizität. das ergibt ein konstruktives werk, das weder im historischen sinne konstruktivistisch noch im jüngeren sinne dekonstruktivistisch ist.
ein zugang zu ihren arbeiten ist die feststellung der hilfsmittel, der materialien, der machart und der tendenz zur dematerialisierung. sie arbeitet mit der polaroidkamera, mit fotografie allgemein, sie collagiert und montiert, und sie ist auch bildhauerin, wenn das heute auch nicht präsent wird. Sie verfügt über die aktuellen methoden, etwas zu analysieren und zu sezieren, um es den erfahrungen der zeitgenössischen realität entsprechend wieder zu synthetisieren. überhaupt scheint dieses wieder-zusammen-bringen nach der analyse, das neu zusammensetzen, ein grundzug ihrer arbeit zu sein. es ist die art der neuen synthese, welche der wahrnehmung von aktueller realität entspricht. ein überzeugendes beispiel diese vorgehens ist in der siebdruckerie mit dem titel "umkehrung" zu sehen, welche man schon auf der einladung kennenlernen konnte. in dieser serie sehen wir eine grundform im rechteckformat. in diesem rechteck sind zwei ganz unterschiedliche flächen auszumachen, die eine ist transparent, die andere , die von der transparenten fläche teilweise überdeckt wird, ist mehrfarbig. auch in ihrer kontur sind die beiden flächen unterschiedlich. die überdeckte fläche ist in sich von mehrschichtigem aufbau, der einem dreidimensionalen motiv abgewonnen sein dürfte. im grundrechteck können diese beiden unteschiedlichen flächen durch umkehrungen und translationen rätselhafte positionen der kontamination, der verschmelzung und überkreuzung einnehmen. Umkehrung und kontamination, kontamination durch umkehrung ist, was ich vorhin mit der wahrnehmung aktueller reälität andeuten wollte. sabine richter hat sich diese wahrnehmung zu eigen gemacht. das heisst, die gegenstände unserer wahrnehmung haben kein festes gesicht, sondern verändern sich fortwährend zu immer neuen konstellatioenen, dass sich von fall zu fall, von blatt zu blatt eigenartige neubildungen ergeben. das zu veranlassen ist der findigkeit und dem spieltrieb der künstlerin überlassen.
ein ähnliches sehen ergibt sich aus der "sequenz 1" von 1993/98, hergestellt mit polaroid, tintenstrahldruck, multiplex und acrylglas. wir sehen angeschnittene raumstrukturen mit farbflächen. in keiner der sequenzen ist gültig für alle auszumachen, wie flächen, winkel, licht und schatten sich topologisch verhalten. aber alle teile zusammen halten eine komplexe situation fest, oft sogar mit einer art passer von einer teileinheit zur nächsten. Besonders reizvoll erscheint das vorgehen mit collagierten teilen, z.b. bei den sogenannten "rounabouts", worunter sowohl karusell wie auch kreisverkehr verstanden werden kann. hier
sind es teile eines kinderkarussels inklusive kreisförmiger schatten, die so anenandergefügt werden, dass sich aus "rounabout" neue fortsetzungen ergeben und sich - semiotisch gesprochen - neue und grössere zeichen ergeben.
Erinnern wir uns bei den"umkehrungen"an den begriff der kontamination, wäre jetzt an den zeichenprozess der superisation zu erinnern. Das heisst, es wird durch die ganzheitsbildung einer menge von einzelnen zeichen eine neue struktur, eine neue konfiguration erwirkt. Es ist aber nicht das ensemble als geschlossenens ganzes ersichtlich, sondern es entsteht eine ganzheit in zeitlicher abfolge. je länger man sich mit der ästhetik von sabine richter befasst, umso mehr möchte man begriffe der semiotik, der zeichenlehre, der zeichentheorie in anspruch nehmen. doch ist dies wiederum nicht die ansprache, die man zu einer ausstellungseröffnung erwartet. hingegen sei aus dem schon beachtlich vielseitigen werk von sabine richter noch an eine arbeit erinnert,die zwar nicht vertreten ist, sich jedoch rein verbal darstellen lässt. ich denke an ihre neoninstallation in den lorenzkirche in nürnberg, wo der leser vor der kirche in blauer beleuchtung die buchstaben bzw. das wort "nebel" liest und darüber in umgekehrter leserichtung das wort "leben". dieses wort "leben" wieder liest sich in richtiger reihenfolge im inneren der kirche, das heisst, von aussen ist man mehr mit dem nebel beschäftigt, im inneren hingegen mit dem "leben". auch dies also eine umkehrung.
bei der beprechung mit der künstlerin, als ich da und dort die herkunft ihrer ideen mit dem bauhaus und dem konsrtuktivismus in verbindung brachte, nannte sie den namen des künstlers "rodtschenko", also eine der zentralen figuren des russischen konstruktivismus. in der tat, bei neuerlichem recherchieren in dieser richtung sind bezüge zu rodtschenkos fotomantagen aus dem jahr 1923 durchaus feststellbar. damit schliesst sich der kreis, in dessen zentrum die arbeiten von sabine richter stehen und dessen eine hälfte sich um den pioniergeist der zwanziger jahre, die andere hälfte um tranzparenz, neue realität, immaterialität der zukunft ründet. das macht die begegnung spannend wie jede begegnung mit dem nerv der zeit, wobei sich der kunstnerv immmer wieder in spannungsvollen wahrnehmungemustern darstellt.
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